Der Mythos von Bleiburg

    Einziges Bild des angeblichen Massakers auf Öl gemalt

    Jedes Jahr im Mai, am Samstag vor Muttertag, und lange Zeit unbeachtet von österreichischer Politik und österreichischen Medien treffen sich am Loibacher Feld/Libuško polje bei Bleiburg/Pliberk an der 1985-1987 neu errichteten Gedenkstätte Tausende (bis zu 16.000, 2015 sogar 30.000), um der „Tragödie von Bleiburg“ zu gedenken. Mittelpunkt der immer weiter wachsenden Gedenkstätte sind einige Bäume. Diese wurden lange nach 1945 angepflanzt, um der Erinnerung einen konkreten Ort zu geben. Dabei wird dem Motiv eines gemalten Bildes gefolgt, welches den „Mythos Bleiburg“ hochstilisiert und unter Exil-KroatInnen sehr bekannt ist. Die Gedenkstätte soll auch weiter ausgebaut werden. Bereits am Weg vom Friedhof in Loibach/Libuče, wo die Inszenierung beginnt, zur Gedenkstätte werden von mehreren Händler_innen diverse Ustaša-Abzeichen angeboten, es werden DVDs angepriesen, die „die ganze Wahrheit“ erläutern sollen. Wird über die Gedenkstätte geblickt, ist es Gewissheit: die „Gedenkveranstaltung“ in Bleiburg/Pliberk ist wohl eines der größten faschistischen Treffen in Europa.

    Zu sehen sind auch Menschen in schwarzen Ustaša-Uniformen und die entsprechenden Fahnen schwingen. Ein kleiner Zaun trennt den offiziellen Teil der Veranstaltung mit Vertreter_innen der kroatischen katholischen Kirche und Politiker_innen vom Rest der Besucher_innen. Während also im inneren Teil das offizielle Kroatien seinen Platz hat, wird der überwiegende Teil der Gedenkstätte von Symbolen beherrscht, die in Kroatien zum Teil verboten sind. Ist der offizielle Teil der Veranstaltung vorbei, drängen die Besucher_innen zu dem Gedenkstein, um sich selbst davor ablichten zu lassen. Doch die BesucherInnen tragen nicht nur Ustaša-Uniformen und Symbole, viele von ihnen tragen T-Shirts mit dem Bild von Ustaša-Sänger Marko Perković alias „Thompson“, der zur EM-Fan-Zonen-Eröffnung in St. Andrä/Šentandraž hätte auftreten sollen. Antifaschistische Proteste und Bedenken der Landespolizeidirektion führten jedoch zur Absage dieses Konzerts. „Thompson“, der sich nach dem Maschinengewehr benannt hat, das er im Krieg 1991 benützte, bezieht sich in seinen Liedern positiv auf die Ustaša und den „Unabhängigen Staat Kroatiens“ (NDH) oder macht sich gleich direkt über das Lager Jasenovac, in dem tausende Serb_innen, Juden und Jüdinnen, Roma und Romnja sowie Widerstandskämpfer_innen ermordet wurden, lustig.[1] Nach der Absage wurde „Thompson“ vom damaligen Kärntner Landeshauptmann Haider persönlich zu einem EM-Spiel eingeladen.

    mit solidarischer Genehmigung ist die Vorlage sowie große Teile für diesen Text entnommen von: U-berg.at zuletzt aufgerufen 18.03.2018 – vielen Dank!

    Der Mythos

    Was bewegt nun also all diese Leute zum Loibacher Feld/Libuško polje zu pilgern und hier gemeinsam mit offiziellen kroatischen Regierungsvertreter_innen und Geistlichen den faschistischen Truppen des NDH-Regimes zu gedenken? 1945 versuchten Ustaša-Milizen und Domobrani gemeinsam mit flüchtenden Verbänden der Wehrmacht und (Waffen-)SS, sowie slowenischen und serbischen Kollaborateuren nach Österreich zu kommen, um sich den britischen Truppen zu ergeben und so der Verfolgung und Bestrafung durch die siegreichen Partisan_innen zu entfliehen. Diese Flucht wurde auch nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 fort- und mit Waffengewalt durchgesetzt. (Viele Führungspersönlichkeiten setzten sich frühzeitig ab. Ante Pavelić selber konnte über Österreich und den Vatikan nach Südamerika flüchten und starb 1959 in Spanien.) Entgegen der Legende gab es aber weder eine zentrale Kapitulation der Ustaša-Einheiten in Bleiburg/Pliberk, sondern mehrere unabhängig voneinander entlang der Grenze zwischen Kärnten/Koroška und Slowenien, noch ist es belegbar, dass es vor Ort Erschießungen bzw. Massentötungen durch die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee gegeben hat. Überliefert sind Tote und Verletzte in den letzten Gefechten vom 14. und 15. Mai 1945 rund um Bleiburg/Pliberk sowie diverse Selbstmorde.

    Nach der Kapitulation der einzelnen Einheiten wurden diese nach Jugoslawien zurückgebracht und Tausende in Lagern interniert. Hierbei kam es, großteils auf slowenischem Gebiet, zu Tötungen und Erschießungen, aktuelle Forschungen gehen von mehreren Zehntausenden Menschen aus. In Kroatien haben sich dafür die höchst tendenziösen Begriffe „Kreuzweg“ und „Todesmärsche“ eingebürgert.[2] Doch schon bald nach Kriegsende bemühten sich kroatische Exil-Verbände in Österreich um eine Gedenkstätte, und so wurde 1976 ein Gedenkstein auf dem Friedhof in Loibach/Libuče errichtet. Näheres zur Entstehung der Gedenkstätte kann im dazugehörigen Text nachgelesen werden.

    Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens erhielten die kroatischen Ustaša-Exil-Verbände neuen Auftrieb, da sie einen unabhängigen Staat Kroatien in direkter Verbindung zum NDH-Staat sahen. Unterstützung erhielt dieser Gedanke auch von der Regierung Tuđman ab 1990. Trotz der offiziellen Verankerung des Antifaschismus in der kroatischen Verfassung wurden vor allem während des Krieges 1991-1995 ganz gezielt Ustaša-Symbole und der positive Bezug auf den NDH-Staat gesucht und die Ustaša-Ideologie verbreitet. Erst nach dem Tod Tuđmans und der Annäherung Kroatiens an die EU, versuchten Teile des offiziellen Kroatiens wieder die NDH-Vergangenheit kritisch zu betrachten. So wurden Straßen wieder umbenannt und vom Plan Tuđmans, aus dem Konzentrationslager Jasenovac eine „gemeinsame“ Gedenkstätte für Täter_innen und Opfern zu machen, Abstand genommen. In den letzten Jahren hat sich dies allerdings wieder gewandelt, Regierungsmitglieder und hohe Geistliche nehmen an dem Treffen in Bleiburg/Pliberk teil und die Zahl der Besucher_innen steigt – Höhepunkt war das Jubiläumsjahr 2015 mit einem Anstieg auf bis zu 30.000 Besucher_innen, die einem Mythos gedenken um nicht an die Verbrechen des NDH-Staates erinnert werden zu müssen.

    Quellen

    [1] http://cafecritique.priv.at/blog/2008/04/22/nur-ein-groser-patriot zuletzt aufgerufen 17.03.2018, 8:37

    [2] vgl. Dietrich, Stefan „Der Bleiburger Opfermythos“, in: Zeitgeschichte, Herbst 2008