„Wo man mit Blut die Grenze schrieb…“ deutschnationale Kontinuitäten in Kärnten/Koroška

    Messe am Ulrichsberg
    Im Kontext des Treffens am Loibacher Feld/Libuško polje treten immer wieder „autochthone“ Kärntner Rechtsextreme aus dem Umfeld der Kärntner Traditionsverbände auf. Diese Verbände wirken mit ihrer wiederholten Warnung vor einer „Slowenisierung“ Kärntens anachronistisch, haben aber noch immer einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Kärntner Öffentlichkeit.
    Kärnten/Koroška war lange Zeit ein beliebtes Betätigungsfeld deutschnationaler Vereine. Ursprünglich lag der Schwerpunkt dieser Vereine auf der Schul- und Siedlungspolitik, so wirkte seit 1881 der „Deutsche Schulverein“ in Kärnten/Koroška.[1] Seine Germanisierungspolitik war durchaus erfolgreich: Der 1921 aus dem „Schutzverein Südmark“ und dem „Deutschen Schulverein“ entstandene „Deutsche Schulverein Südmark“ hat durch seinen Einfluss die Zahl der zweisprachigen Schulen in Kärnten in den 1920ern und 1930ern massiv gesenkt.[2] Ein Relikt dieser Politik findet sich noch immer bei den Kärntner Traditionsverbänden: Ihre Mitteilungen beklagen die „Privilegien“ der slowenischen Minderheit in Kärnten/Koroška und obwohl sie immer kleiner wird, wird auch im Jahr 2018 von manchen noch die Gefahr der „Slowenisierung“ Kärntens wie der Teufel an die Wand gemalt.[3] Dieser Beitrag soll eine kleine Übersicht über diese vom Land Kärnten geförderten deutschnationalen Vereine geben, deren Vertreter auch immer wieder beim Treffen in Bleiburg/Pliberk gesichtet wurden.[4]
    Die Tradition dieser Vereine bezieht sich noch heute auf die Konflikte um den Verlauf der Kärntner Südgrenze 1918-1920, auch Kärntner Abwehrkampf genannt. Während des Zerfalls der Österreich-Ungarischen Monarchie besetzten im November 1918 Truppen des neuentstandenen Staates der Slowenen, Kroaten und Serben Teile des zweisprachigen Südkärntens und italienische Truppen das Kanaltal[5]. Es entbrannten Kämpfe zwischen paramilitärischen Truppen und der quasioffiziellen Heimwehr auf der Seite des entstehenden Staates Deutsch-Österreich gegen Truppen des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS), die in einem Waffenstillstand endeten. Während das Kanaltal/Kanalska dolina an Italien, das Seeland/Jezersko und das Mießtal/Mežiška dolina an den SHS-Staat abgetreten wurden, fand in Südkärnten am 10. Oktober 1920 eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit des strittigen Gebiets statt, die mit 59% für Österreich ausging.[6]
    Vertreter der Kärntner Traditionsverbände beim Ulrichsbergtreffen

    Der älteste dieser „Traditionsverbände“ ist die 1910 gegründete Kärntner Landsmannschaft. Bereits 1911 ließ sie den braunen Kärntneranzug als Gegenentwurf zu den „slowenischen“ Trachten schneidern. Sie war es auch, die 1930 den Wettbewerb zur 4.Strophe des Kärntner Heimatliedes ausrichten ließ.[7] Dieser wurde von der „illegalen“ Nationalsozialistin[8] und Lehrerin Agnes Millonig gewonnen, ihre Strophe über „Mannesmut und Frauentreu“ bezieht sich auf die Kärntner Grenzkonflikte 1918-1920 und gehört noch heute zum fixen Repertoire der Kärntner Landeshymne.

    Heute ist die Landsmannschaft bei weitem nicht mehr so relevant wie in der Zwischenkriegszeit, bemerkenswert sind jedoch die „Bauernehrungen“ für Gehöfte die seit mehr als 200 Jahren durchgehend im Besitz einer (deutschen) Familie stehen sowie fragwürdige Übersetzungen von Artikeln aus (kärntner-)slowenischen Medien.[9]

    Der Ruf des Ulrichsbergs

    Medial präsenter war in den letzten Jahren die Ulrichsberggemeinschaft (UBG). Seit 1958 veranstaltet sie das revisionistische „Heimkehrertreffen“ am Kärntner Ulrichsberg/Vrh.[10] Lange konnten sich bei diesem „Heimkehrertreffen“ Verteter der „Erlebnisgeneration“ mit jüngeren Proponenten der rechtsextremen Szene treffen. So hieß 2005 der damalige UBG-Präsident Rudolf Gallob in seiner Rede „Soldaten der Waffen-SS“ ausdrücklich willkommen.[11] Nach jahrelangen Protesten nahm 2009 der damalige Verteidigungsminister Darabos den Handel mit NS-Devotionalien durch den damaligen Vorsitzenden der UBG zum Anlass, die Unterstützung des Bundesheeres für dieses Treffen zu untersagen.[12] Seit damals nehmen die Besucher_innenzahlen des zwischenzeitlich auf das Zollfeld/Gosposvetsko polje verlegten Treffens kontinuierlich ab, im „Ehrenhain“ am Ulrichsberg/Vrh finden sich allerdings noch immer Gedenktafeln für Angehörige des Reichsarbeitsdiensts (RAD), der ärztlichen Akademie Berlin-Graz (der SS), der SS-Garnisonsstadt Klagenfurt, ein Dutzend SS-Divisonen oder eben auch für Ustaša-Verbände.[13]

    Ulrichsbergtreffen

    Am Ulrichsberg durften lange Zeit zwei andere Traditionsverbände nicht fehlen: Der Abwehrkämpferbund und der Heimatdienst. Ersterer hat sich mit einer Gedenktafel im Ehrenhain verewigt, zweiterer ist seit 2008 nach einem vornehmlichen Schwenk in seiner „Slowenenpolitik“ nicht mehr willkommen. Auch auf dem Ulrichsberg/Vrh ist die Kärntner Slowenische Minderheit gerne Thema: Ob in Reden, in denen der Widerstand der Partisan_innen in Kärnten verunglimpft wird, oder wie im Jahre 1975 als der Zufahrtsweg auf den Ulrichsberg/Vrh mit Transparenten „Kärnten deutsch, frei und ungeteilt“ zugepflastert wurde.[14]

    Vom „Schlussstrich“ zum vornehmlichen Schwenk des KHD

    Der Kärntner Heimatdienst (KHD) hat eine lange, wechselvolle Geschichte: Ab 1924 leistete er als „Kärntner Heimatbund“ propagandistische Arbeit und beteiligte sich an der „Kärntner Bodenvermittlungsstelle“, die deutschen Bauern Höfe und Grundstücke im zweisprachigen Gebiet vermittelte.[15] Nach dem „Anschluss“ ging der Kärntner Heimatbund in den Strukturen des Nationalsozialismus auf.[16] Für den Geschäftsführer des KHB der Zwischenkriegszeit, Alois Maier-Kaibitsch, bedeutete das einen weiteren Karriereschritt. Als „Leiter der Dienststelle des Beauftragten des Reichskommisars für die Festigung des deutschen Volkstums“ war er maßgeblich an der Deportation der Kärntner Slowen_innen beteiligt.[17]

    Maier-Kaibitsch wurde später als Kriegsverbrecher verurteilt, doch der 1957 wiedergegründete Kärntner Heimatdienst fand bereits zwei Jahre später in einer Broschüre für ihn nur die besten Lobesworte.[18] Kurz nach seiner Wiedergründung wandte sich der KHD gleich gegen den obligatorischen zweisprachigen Unterricht in Südkärnten und erzwang somit 1958 die Abschaffung dessen.[19]

    Auch in den „heißen“ Tagen des Herbst 1972, als in Südkärnten die eben erst aufgestellten zweisprachigen Ortstafeln niedergerissen wurden, tat sich der KHD nicht gerade als beschwichtigend hervor: So forderte der Heimatdienstobmann Josef Feldner am Höhepunkt des Ortstafelsturms bei seiner Rede am 10. Oktober 1972 die „unverzügliche Entfernung“ aller noch stehenden Ortstafeln.[20] Allerdings gibt es auch keine Beweise für die Organisation des Ortstafelsturms durch den KHD.[21]

    Allerdings ändern sich auch in Kärnten die Zeiten: Der KHD, der 1970 noch das Motto „für Volk und Heimat“ hatte[22] und in seinem Organ Ruf der Heimat forderte, einen „Schlussstrich“ in Kärnten zu ziehen in dem „eines der Völker nicht mehr besteht“[23], hat sich 2005 dem „Konsens“ verschrieben.[24] Zwar üben der Vorsitzende des KHD Josef Feldner und sein Gegenpart des slowenischen Zentralverbandes Marjan Sturm seither den Dialog, doch hat der KHD inzwischen schon ein neues Feindbild gefunden: In großflächigen Inseraten wird seither statt vor einer „Slowenisierung“ vor einer „Islamisierung“ Kärntens gewarnt.[25]

    Der ewige Abwehrkampf

    Die „Vierfaltigkeit“ des Kärntner Deutschnationalismus wird durch einen weiteren Traditionsverband vervollständigt: 1955 gründete sich nach Unterzeichnung des Staatsvertrages der Kärntner Abwehrkämpferbund (KAB). Wie der KHD wird auch der KAB im Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes als „rechtsextreme Vorfeldorganisation“ geführt.[26] Der KAB war in seiner Wortwahl immer schon extremer als der KHD, so proklamierte 1972 der damalige Obmann Sames einen „neuen Abwehrkampf“ und noch immer warnt der KAB vor einer Slowenisierung Kärntens.[27] Auf seiner Homepage beklagt er umfangreich die angebliche Bevorzugung der slowenischen Volksgruppe gegenüber der Mehrheitsbevölkerung.

    Ustaša-Gedenkstein im "Ehrenhain" der Gedenkstätte am Ulrichsberg.

    Die Traditionsverbände als Teil der Volkskultur?

    Das Verhältnis zur Landespolitik ist ein ambivalentes: SPÖ-Landeshauptmann Sima (1965-1974) hatte beispielsweise ein schwieriges Verhältnis zum Heimatdienst, während er gute Kontakte zum Abwehrkämpferbund pflegte und auch die Ulrichsberggemeinschaft förderte.[28] Der ehemalige Landeshauptmann Haider hofierte die Traditionsverbände allerdings bei jeder Gelegenheit.

    Seit einem Dreiparteienbeschluss im Jahr 2002 werden Landsmannschaft, Heimatdienst, Abwehrkämpferbund und Ulrichsberggemeinschaft aus dem Kulturbudget des Landes Kärnten gefördert. So bekam die Ulrichsberggemeinschaft zwischen 2005 und 2012 eine Subvention von rund 115.000€, während ehemalige Angehörige der (Waffen-)SS den Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen „dritten Reichs“ hochleben lassen konnten.[29]

    Gemeinsam haben Bleiburger Ehrenzug und die Kärntner Traditionsverbände den Antikommunismus, der sich auf Seiten der Tradtionsverbände im Gedenken an die „durch die Partisanen verschleppten Kärntner“ manifestiert. So verlegte der Abwehrkämpferbund auch 1984 Ingomar Pusts Buch „Titostern über Kärnten“[30], auch der Umbau des „Denkmals für die Opfer der Partisanen“ zu einem altarartigen Klotz am Klagenfurter Domplatz Anfang der 2000er wurde von der „Plattform Kärnten“, einem Zusammenschluss der Kärntner Traditionsverbände propagiert. Inzwischen hat sich diese Vereinigung nach dem Schwenk des KHD wieder aufgelöst.[31]   

    Quellen

    [1] Vgl. Perchinig, Bernhard, „Wir sind Kärntner und damit hat sich`s…“ Deutschnationalismus und politische Kultur in Kärnten, Klagenfurt/Celovec 1989, S. 58

    [2] Vgl. Ebd., S. 103

    [3] Siehe Webauftritt und laufende Publikationen des Kärntner Abwehrkämpferbundes, online unter: kab-or.at (Aufgerufen am 5.3.2018)

    [4] So nahm z.B. im Jahr 2017 mit Wilhelm Überfellner ein Mitglied der Landesleitung des KAB an der Gedenkfeier teil.

    [5] Vgl. Fräss-Ehrfeld, Claudia, Geschichte Kärntens, Band 3/2 – Kärnten 1918-1920, Klagenfurt/Celovec 2000, S. 64

    [6] Vgl. Ebd. S. 190

    [7] Vgl. Kärntner Landsmannschaft, 100 Jahre – Die Kärntner Landsmannschaft 1910 – 2010, online unter: http://www.k-landsmannschaft.at/geschichte.htm (Aufgerufen am 5.3.2018)

    [8] Vgl. Die Presse, Haider ehrt umstrittene Dichterin Agnes Millonig, online unter: https://diepresse.com/home/innenpolitik/331319/Haider-ehrt-umstrittene-Dichterin-Agnes-Millonig (Aufgerufen am 5.3.2018)

    [9] Siehe Webauftritt der Kärntner Landsmannschaft, online unter: http://www.k-landsmannschaft.at/ (Abgerufen am 5.3.2018)

    [10] Vgl. AK gegen den Kärntner Konsens [Hg.], Der Ulrichsberg - Fakten und Zahlen. In: Friede, Freude, deutscher Eintopf: Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011, S. 77

    [11] Vgl. Mayer, Stefanie, Jüdisches Leben im „Deutschen Kärnten“.In: Friede, Freude, deutscher Eintopf: Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011, S. 232

    [12] Vgl. AK gegen den Kärntner Konsens [Hg.], Der Ulrichsberg-Fakten und Zahlen. In: Friede, Freude, deutscher Eintopf: Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011, S. 97

    [13] Ebd. S. 84

    [14] Vgl. AK gegen den Kärntner Konsens [Hg.], Der Ulrichsberg ruft!. In: Friede, Freude, deutscher Eintopf: Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011, S. 116

    [15] Vgl. Obid, Vida (Hg.); Messner, Mirko; Leben, Andrej; Haiders Exerzierfeld: Kärntens SlowenInnen in der deutschen Volksgemeinschaft, Wien 2002, S. 109-111

    [16] Ebd. S. 126

    [17] Vgl. AK gegen den Kärntner Konsens [Hg.], Alois Maier-Kaibitsch. In: Friede, Freude, deutscher Eintopf: Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011, S. 220

    [18] Ebd., S. 220

    [19] Vgl. Obid/Messner/Leben 2002 S. 135-136.

    [20] Vgl. Valentin, Hellwig, Am Rande des Bürgerkrieges. Kärntner Ortstafelkonflikt 1972 und der Sturz Hans Simas, Klagenfurt/Celovec-Ljubljana-Wien 2013, S. 346

    [21] Ebd. S. 387

    [22] Ebd. S. 369

    [23] Ebd. S. 225

    [24] Vgl. Kärntner Heimatdienst, Grenzland Kärnten – ein kurzer geschichtlicher Überblick, online unter: http://www.khd.at/index.php/geschichte (Aufgerufen am 5.3.2018)

    [25] Siehe Einschaltung des Kärntner Heimatdiensts in der Kärntner Krone, 27. September 2017, online unter: http://www.khd.at/index.php/presse?download=1382:einschaltung-khd-kaerntner-krone (Aufgerufen am 5.3.2018)

    [26] Vgl. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, Wien 1994, S. 254ff.

    [27] Vgl. Valentin 2013, S. 303

    [28] Ebd. S. 252ff.

    [29] Vgl. Der Standard, Kärnten will Förderung für Ulrichsberggemeinschaft kürzen, online unter: https://derstandard.at/1369362069610/Kaernten-will-Foerderung-fuer-Ulrichsberggemeinschaft-kuerzen (Aufgerufen am 5.3.2018)

    [30] Siehe Impressum von Pust, Ingomar, Titostern über Kärnten, Klagenfurt/Celovec 1984.

    [31] Vgl. AK gegen den Kärntner Konsens [Hg.], „Wo man mit Blut die Grenze schrieb“ In: Friede, Freude, deutscher Eintopf: Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011, S. 69